Doktorspiele im Kindergarten - immer noch ein Tabuthema?

 

Doktorspiele

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Die Kindergartenzeit ist eine aufregende Zeit - für Eltern als auch für Kinder. Es wird gebastelt, gespielt, soziales Verhalten trainiert. Mit den Kindern werden verschiedene Themen behandelt. Sie lernen die Umwelt kennen, sie erfahren etwas über Haustiere, Jahreszeiten, Feste, über die Natur, andere Kulturen und noch viel mehr. Aber ein Thema wird auch in vielen Kindergärten tabuisiert: Doktorspiele zwischen Kindern. Für viele Eltern und ErzieherInnen mag es ein ganz normales Thema sein und sie haben sich damit bereits auseinander gesetzt. Aber genauso viele Eltern und ErzieherInnen sind mit diesem Thema überfordert. Sie wissen nicht, was sie davon halten sollen, wie sie reagieren sollen und was sie auf entsprechende Fragen der Kinder antworten sollen. Denn so individuell die Kinder sind, so sind es auch die Erwachsenen und Jeder hat seine persönliche Vorgeschichte, die die Einstellung zur Sexualität entscheidend prägt. Selbst in unserer heutigen Zeit ist es nicht für Alle selbstverständlich innerhalb der Familie sich vor anderen Familienmitgliedern auszuziehen, gemeinsam mit den Kindern zu baden oder vor den Kindern Zärtlichkeiten mit dem Partner auszutauschen. Und mal abgesehen davon wird das Wort "Sexualität" an sich schon so unterschiedlich von den Erwachsenen interpretiert, dass  bei Einigen bereits die "Alarmglocken" läuten, sobald dieses Thema zum Gesprächsthema wird. Aber Sexualität ist weitaus mehr als körperliche Liebe. Es ist auch ein Begriff, der je nach Sichtweise auch die Schwangerschaft umfasst, Funktion der Geschlechtsorgane, sexuelle Gewalt, Sinnesfreuden, Kuscheln, Gefühle, Verbotenes, Eltern sein, Weiblichkeit, Männlichkeit, ...
Kinder werden heute in eine Zeit hineingeboren, in der es kaum noch Tabuthemen gibt. Nackte Frauen in der Werbung, Bettszenen im Nachmittagsprogramm, Menschen die ihre Zuneigung auch vor der Öffentlichkeit nicht verstecken, unbekleidete Personen am Strand, Frauen die ihre Babys in der Öffentlichkeit stillen. Da sollte man eigentlich der Meinung sein, dass wir in der Lage sind mit diesem Thema viel ungezwungener umzugehen, als z.B. unsere Großmütter. Aber die Praxis zeigt, dass dem nicht so ist!

Ein Beispiel: Im Kindergarten wurden ein Junge und ein Mädchen dabei "erwischt", wie sie unter der Decke Doktorspiele machten. Die Erzieherin ging sehr verständnisvoll mit dem Thema um und erklärte den Kindern, dass diese das durchaus dürfen, solange sie gewisse Regeln einhalten. Die Mutter, deren Tochter ihr später von dem "Vorfall" erzählte, reagierte entsetzt und war der Meinung, dass ihre Tochter quasi dazu gezwungen worden wäre. Denn nach ihrer Aussage macht ihre Tochter "so was" nicht.

Anzumerken sei, dass das Mädchen vier Jahre alt ist und der Junge knapp ein Jahr älter. Beide hatten durchaus Vergnügen an ihrem Spiel und beide Kinder sind durchaus in der Lage sind "nein" zu sagen, wenn ihnen etwas missfällt. Dieses kindliche Erfahrungsspiel wird von den Erwachsenen sehr unterschiedlich bewertet. Während die Mutter fürchtet, dass ihre Tochter zu Handlungen gezwungen wird, die sie nicht möchte und ihre Tochter vor "solchen" Dingen schützen möchte, sieht die Erzieherin dem Ganzen mit Gelassenheit entgegen. Vielleicht weil sie aus Erfahrung weiß, dass in den seltensten Fällen Grund zur Sorge besteht? Sie hat die Kinder zur Seite genommen und wichtige Regeln im Umgang mit dem Anderen festgelegt, deren Einhaltung sie auch unbedingt von den Kindern einfordert. Diese Regeln sehen wie folgt aus:

  • Es werden keine Gegenstände in die eigenen oder fremden Körperöffnungen gesteckt
  • Wenn der Andere "nein" sagt, dann bedeutet es auch nein
  • Diese "Entdeckungsreisen" werden nur unternommen wenn alle beteiligten Kinder es wollen
  • Es werden keine Doktorspiele mit wesentlich älteren Kindern gemacht oder mit Erwachsenen

Wohl fast alle Kinder machen Doktorspiele und die Eltern können sich gewiss sein: es besteht kein Grund zur Sorge!
Doktorspiele gehören zur kindlichen Entwicklung genauso dazu wie das Erlernen von Lesen und Schreiben, das selbstständige Anziehen, das Spielen, Toben, Laufen lernen, klettern...
Wir als Erwachsene mögen den Begriff "Doktorspiele" mit dem Erforschen des Körpers des anderen oder gleichen Geschlechtes in Verbindung bringen und dem Ganzen dem Wert eines Beischlafs beimessen. Aber Kinder sind weit davon entfernt "Liebe machen" zu wollen. Sie entdecken das andere Geschlecht auf spielerische Art und Weise und wollen ihre kindliche Neugier befriedigen. Sie wollen alles genau sehen, fühlen, ertasten und kopieren mitunter auch das Verhalten, was sie bei den Erwachsenen sehen. Dieses Spiel ist eines von vielen Spielen und es ist so lange von Interesse für die Kinder, solange sie noch nicht der Meinung sind, dass sie den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, Mann und Frau, für sich zur Zufriedenheit erkannt haben.

Erwachsene sollten wirklich nur dann eingreifen, wenn Kinder gesetzte Grenzen überschreiten, indem z.B. ältere Kinder jüngere Kinder dazu animieren Doktorspiele zu machen. Oder wenn es sich abzeichnet, dass das Kind auch nach Monaten die Doktorspiele als das Wichtigste Spiel überhaupt für sich definiert. Natürlich müssen Eltern und ErzieherInnen auch dann eingreifen, wenn die Kinder sich weh tun.

Aber nicht nur im Kindergarten kommt es zu Doktorspielen. Kinder, die Zuhause Besuch bekommen von ihren Freunden, werden irgendwann auch anfangen ihren Körper und den der Freunde zu erforschen. Eltern sollten gelassen reagieren. Es gehört zu einer normalen Entwicklung dazu und schadet dem Kind nicht! Selbstverständlich können und sollen Eltern den Kindern auch Schamgrenzen aufzeigen. Wenn Kinder z.B. gedankenverloren an sich herum spielen, dann sollte man sie auffordern dies in ihrem Zimmer weiter zu machen. Denn eine gewisse Intimität sollte hier vorhanden sein und die Kinder müssen lernen, dass die Öffentlichkeit nicht der geeignete Ort ist sich selbst zu erfahren.

 

Links zum Thema zurück zur Übersicht

 

  • Wie verläuft die kindliche Sexualität - ein Bericht von Sonja Lobbe
  • Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung - eine Seite der BZgA
  • Sign - Zeichen erkennen. Aufklärung von Kindern und Jugendlichen
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit interessanten Broschüren zum Thema.
  • Wie kommt ein Baby in den Bauch? Eine Aufklärungsgeschichte in Bildern von der Zeitschrift "Eltern".
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