Portrait einer Tagesmutter - ein
Bericht von Anita
aus dem Jahr 2000Ich heiße Anita Oberegger, bin 37 Jahre alt, verheiratet und wir haben
zwei Söhne. Andreas ist 13 und Florian ist 9 Jahre alt. Zuhause bin ich
im Land Salzburg in Österreich. Seit März 1993 bin ich Tagesmutter beim
Salzburger Hilfswerk. Als gelernte Köchin hatte ich mit zwei Kindern
keine geeignete Möglichkeit mehr, in meinen Beruf zurückzugehen. Ich
hatte, als Andreas zwei Jahre alt war, im Bistro unseres Kaufhauses Arbeit
gefunden, die aber sehr schlecht bezahlt war. Die Hälfte meines Gehaltes
ging für die Betreuung unseres Sohnes drauf! Die Bedingungen veränderten
sich zum Negativen und als ich im vierten Monat schwanger war ging ich in
Frühkarenz. Die Karenzzeit beträgt in Österreich 1 ½ Jahre. Für die
Kinder sehr unglücklich gewählt! Als ich hörte, dass auch bei uns auf
dem Land Tagesmütter gesucht und ausgebildet wurden, zögerte ich nicht
und meldete mich sofort an. So konnte ich einen neuen Beruf erlernen und
bei meinen Kindern zu Hause bleiben. Ich betreue durchschnittlich zwischen
vier und acht Kinder. Zur Zeit mache ich eine Ausbildung für die
Betreuung von Kindern mit erhöhtem Förderbedarf (erhöhten Förderbedarf
haben behinderte bzw. verhaltensauffällige Kinder). Meine Betreuungszeit
ist von 7 – 19 Uhr. Allerdings darf ich ein Kind nicht länger als zehn
Stunden pro Tag und nicht mehr als vierzig Stunden pro Woche betreuen,
weil ich Angestellte bin. Bezahlt werde ich vom Salzburger Hilfswerk. Die
Eltern der von mir betreuten Kinder müssen, wie bei einer
Kindertagesstätte, ihren Beitrag je nach Einkommen bezahlen. Den Beitrag
errechnet das Salzburger Hilfswerk. Dorthin müssen die Eltern ihren
Beitrag auch überweisen. Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten, ihre
Entwicklung zu fördern und zu sehen, wie sie ihre eigene Persönlichkeit
und Selbständigkeit entwickeln. Ich nehme meinen Beruf als Tagesmutter
sehr ernst und bemühe mich auch privat immer wieder, zusätzliche
Schulungen, Seminare und Kurse zu besuchen. Die Arbeit mit Kindern ist
sehr verantwortungsvoll und auch unsere eigenen Kinder haben durch die
vielen Aus- und Fortbildungen sehr profitiert. Wie in anderen Berufen
auch, gibt es aber auch hier einige Nachteile. Einer davon ist die geringe
Bezahlung. Ich verdiene für ein Kind pro Stunde ATS 29,70 brutto. Bei
mehreren Kindern summiert sich die Summe zwar, doch die Abnützung unserer
Wohnung ist dabei nicht mit einbezogen. Zerbrochene Blumenvasen, kaputte
Spielsachen, zertretene Blumen oder Sonstiges ist mit einem Selbstbehalt
von ATS 4000.—zwar versichert, doch es sind die kleinen Schäden, die
sich summieren und für die es keine finanzielle Abgeltung gibt. Und das
Gesetz hat vor zwei Jahren auch in der Haftpflicht- bzw.
Haushaltsversicherung der Eltern einen Riegel vorgeschoben. War es früher
möglich kleinere Schäden hier finanziell abzugelten, so gelten
Tageskinder heute wie eigene Kinder! Was für mich persönlich noch ein
Problem ist, ist die Abgeschiedenheit einer Tagesmutter. In anderen
Berufen bin ich mit erwachsenen Menschen zusammen und kann mich auch mal
über Probleme austauschen. Als Tagesmutter bin ich gezwungen, andere
Möglichkeiten der Kommunikation zu suchen. Es gibt zwar monatliche
Treffen der Tagesmütter, doch ist das meiner Meinung nach zu wenig. Hier
wird nun sehr oft mein Ehemann mit meinen unbewältigten Problemen -
welcher Art auch immer - konfrontiert. Und er ist in seine Rolle als
Tagesvater genauso hineingewachsen, wie ich als Tagesmutter. Gott sei Dank
habe ich einen sehr toleranten Ehemann, der sich auch in der Rolle als „Ersatzvater“
vieler Tageskinder von allein erziehenden Müttern nicht unwohl fühlt. Die
Unterstützung meines Ehemannes ist hier besonders hervorzuheben! Die enge
Verbindung von Beruf und Privatleben wirkt sich bei uns nicht mehr so
krass aus, wie ich es von anderen Tagesmüttern her kenne, weil unsere
Kinder in meinen Beruf auch mit hineingewachsen sind. Doch genießen wir
heute die freie Zeit mehr als früher. Für die Zukunft wünsche ich mir,
dass die Gesellschaft den Beruf der Tagesmutter mehr als bisher würdigt
und anerkennt, weil er wundervoll, verantwortungsvoll und dennoch sehr
schlecht bezahlt ist! Und das Thema Kinderbetreuung ist heute so aktuell
wie noch nie. Da es immer mehr berufstätige Mütter gibt – aus welchem
Grund auch immer – denke ich, dass es hier schon noch viele
Verbesserungen geben wird. Tagesmütter können einen wesentlichen Beitrag
zum Abbau des Betreuungsdefizits leisten und damit auch zur besseren
Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen. Die Tagespflege ist
flexibel und kann auf die Arbeitszeiten der Eltern eingehen oder im
Anschluss an den Kindergarten oder die Schule eine stundenweise Betreuung
bereitstellen. Tagesmütter sind eine wichtige Ergänzung zu
Tageseinrichtungen im Kinderbetreuungssystem. Bessere Bedingungen für die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen ist heute sicherlich eine
gesellschaftspolitische und öffentliche Aufgabe. Hierbei ist eine
Zusammenarbeit von verschieden Bereichen (u.a. Familien-, Kinder-,
Jugend-, Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik) unbedingt
erforderlich.
Mehr Informationen gibt es bei der Plattform "Alles für Kinder"
beim Salzburger
Portal. |